Körper denken – aus dezidiert unmedizinischer Sicht. Hier und dort hört man vom Darm als dem zweiten Gehirn, dem Bauchgehirn. Sicher nicht nur wegen der ähnlichen äußeren Form, einem komplex in sich gewundenen, verschlungenen Labyrinth: Eine lange, dünne Schlange, die sich verdichtet auf engem Raum zusammenfaltet. Gehirn und Darm sind über unzählige Nervenfasern miteinander verbunden, kommunizieren unentwegt und beeinflussen gegenseitig ihre Wachheit/Trägheit, Aktivität oder auch Stimmung. Spannend finde ich am Darm weniger seine äußere Ähnlichkeit mit dem Gehirn. Interessant finde ich, dass seine Tätigkeit dem entspricht oder dem ähnlich ist, was Aufgabe des Verstandes ist. Er analysiert und nimmt detailliert auseinander, was nahrhaft ist; er unterscheidet, was dem Körper dient und was ausgeschieden wird.

Bis in kleinste Teile und Elemente hinein erforscht und prüft das Organ, was von der Außenwelt per Essen ins Innere eingeladen wurde. Und mehr: Das Innen verinnerlicht und absorbiert hier (erst) das Außen, buchstäblich zieht es sich vollkommen hingebungsvoll die äußeren Eindrücke rein. Die Verarbeitung geschieht, indem das Hineingelassene immer wieder eingestülpte Windungen und Hautgrenzen, also innere Häute, Schranken und Grenzen, passiert. Als ob der Vorgang des Essens, der ein Vorgang der Passage von Außen nach Innen ist, im Inneren unzählige Male wiederholt wird. Wenn und nachdem die Begegnung von Innen und Außen durchgearbeitet ist, findet im Innersten die Einverleibung statt und das Außen, Fremde, Andere, die Welt – und das, was an ihr nahrhaft ist – wird integriert: diese Integration füttert und stärkt den Körper, ermöglicht sein Gedeihen, seine Bewegung und Kraft. Bin ich per se nicht bereit, fremde Eindrücke zu verdauen, aus welchen guten Gründen auch immer, und lasse ich nicht zu, dass meine inneren Grenzhäute zu Orten der Passage und des Übergangs werden, verstelle ich mir die Wahl zwischen Nährendem und Restmüll; zwischen dem, was meins ist/wird und dem, was ich zurückgebe oder stehen lasse. Eindrücke verarbeiten, differenzieren, beobachten, Unterscheidungen treffen, passieren und vorbeiziehen lassen, was nicht nährt: das sind die Funktionsweisen des Darms und des Verdauungsprozesses. Welche Fragen ergeben sich von hier aus in Bezug auf das Gehirn oder auf die Beschreibung und Kapazität des Verstands?