Körper Denken – Eine Darmphantasie (Teil II)

Lange, bevor der Mensch denken kann oder ein Bewusstsein dafür entwickelt, macht er Denken. Im Bauch trifft er regelrecht binäre Entscheidungen: was ist gut, was ist schlecht für mich, was kommt rein, was nicht, ja, nein, go, stop. 010100110110. Die Sprache der Programmierung. Und lange vor den Verarbeitungsprozessen im Gehirn beginnt der Verdauungsprozess schon sehr nah am Gehirn, im Mund und zwischen den Zähnen. Im Darm findet gegen Ende seiner Windungen schließlich etwas Magisches statt. Zunächst die Kompost-Kreation im Eigenheim: es wird das Brauchbare rausgeholt und dann der Rest abgegeben. Und der Rest, der für uns tabu ist, das Ende, das Nichts, unbrauchbarer Abfall, stinkender Müll, nichts als Vergorenes — das ist der Kompost für andere Organismen. Nährstoff für gute Erde, deren gediehene Früchte wir wieder genießen. Im Darm geht also nicht nur brillant klare Analyse ab, sondern es findet sich dort auch tiefes Wissen um Zyklen, Regeneration, Einbindung in größere Kreisläufe, die weit über die Versorgung des einzelnen Körpers hinausgehen …

… Ist unser Bauch am Ende die gekonntere, geübtere und weisere Denkerin? Und wieder: Welche Fragen an unser Denken lassen sich stellen im Angesicht der Darmgenialität, die mit Metaphern mentaler Aktivität umschrieben wird? Wirkt sich diese Perspektive nicht ziemlich relativierend auf den Stellenwert, Status und die Kapazitäten des Verstandes aus? Vor allem, wenn man an alltägliche Verdauungsprobleme denkt – Unverträglichkeiten, Verstopfung, Überfüllung, Allergien oder gleich das hastige, unbesehene Durchwinken um den Preis eines hohen Flüssigkeitsverlust … – oder an chronischen Nährstoffmangel, den zunehmenden Verlust an Diversität (der Darmflora, aber ja!) und vieles Alltägliches mehr.

… also, auf geistige Zustände übertragen: Funktioniert nicht mehr unsere angeborene Fähigkeit, äußere Eindrücke zu verarbeiten und sich nach genauerer Untersuchung sogar von ihnen zu nähren, gibt es keine Begegnung. Weder eine oberflächliche, großmütig tolerante, gemeinschaftliche oder freundschaftliche, noch die intime. Ohne Reflexionsfähigkeit identifiziere ich, was anders oder unbekannt erscheint, als Angriff, Gefahr, Verderb oder als etwas Unansehnliches im Sinne von: lieber wegschauen und durchwinken. So steht die Welt vor uns und wir sehen sie nicht, pflegen nicht den Kontakt mit ihr, geben ihr keinen Einlass. Und, so scheint es, wir sind selbst auch kein Teil mehr der Welt.

Vom Darm aus ist ein anderer Blick auf das Denken zu gewinnen: Denken hat mit Kontakt zu tun, mit der Verarbeitung von Einflüssen und ihrer Verinnerlichung. Nicht nur im Sinne der Inspiration und dessen, was wir klassisch Austausch nennen. Das Denken als solches, der Prozess des „Denken-Tuns“ – Verdauung – ist ein zeitaufwändiger und energiezehrender Vorgang der Passage, der wiederholten Überquerungen, des Transferierens und Transformierens … mit ungewissem Ausgang. Es braucht zum Denken Mut. Der Darm und unser Körper, sie kommen zunächst mit diesem Mut auf die Welt. Sie haben ihn, sie sind mutig. Und wie sieht es da mit unserem Verstand aus?

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