Mythen Denken – Das göttliche Kind

Basierend auf Grundannahmen, wie sie C.G. Jung geprägt hat, entwickelt die Tiefenpsychologin Carol S. Pearson Anfang der 1990er Jahre das Konzept der 12 seelischen Archetypen. Diese Archetypen repräsentieren Entwicklungsschritte, die jedes menschliche Individuum im Laufe seines Lebens durchläuft. Sie funktionieren wie Lebensaufgaben, denen sich ein Mensch im natürlichen Lauf seines Wachsens und Erwachsenwerdens stellen muss. Durch diese archetypischen Lebenstore hindurch entwickelt ein Mensch seinem Alter gemäß Kompetenzen, die sein materielles, soziales, emotionales und psychisches Überleben sichern. Es kommt aber vor, dass die eine oder andere Kompetenz sich stärker entwickelt, weil sie beispielsweise mehr gebraucht wurde oder ein Mensch einfach hierin begabter ist; andersrum kann sie auch unterentwickelt sein, weil der Raum zu ihrer Entfaltung fehlte. Oder weil (früh) erfahrene Verwundungen so tief sind, dass eine emotionale oder psychische Kompetenz nicht ausreichend entwickelt werden kann, während um diesen Preis aber das körperliche Überleben gesichert wird.

Die zwei am frühesten zu entwickelnden Erfahrungskompetenzen – oder auch Tore, die jeder Mensch nach dieser Auffassung passieren muss – sind „Unschuld“ und „Verwaisung“. Auf diese beiden möchte ich hier zu sprechen kommen. Sie verhalten sich zueinander wie die zwei Seiten einer Medaille und gehören gewissermaßen zu einem zweifachen „Prüfungsset“: am Ende besteht die Aufgabe darin, beide Qualitäten zu entwickeln und dann zwischen den beiden ein ausgewogenes Verhältnis zu finden. Das ist übrigens bei allen 12 Qualitäten der Fall: sie gliedern sich in 6 Paare und es ist am Ende jeweils das (mehr oder weniger) ausgewogene Verhältnis zwischen den beiden Polen, das eine Lösung ermöglicht.

Was also ist mit Unschuld gemeint: Das zuversichtlich-fröhliche Grundvertrauen eines kleinen Kindes gegenüber der Welt, seinen Mitmenschen und Begegnungen, auch Optimismus, blindes oder im besten Sinne naives, unschuldiges Vertrauen. Das Kind erfährt die Welt als für es gemacht und dass alles dafür getan wird, um seine Wünsche zu erfüllen. Irgendwann aber werden Enttäuschungen erlebt, Grenzen erkannt, Neins erfahren. Das ist schmerzhaftes und notwendiges Übel auf dem Weg, die Wirklichkeit (mehr) zu sehen, wie sie ist. Es ist die Reifeprüfung der „Unschuld“: zwar geht es darum, Vertrauen und Zuversicht zu haben, aber auch eine gesunde Skepsis und Vorsicht zu entwickeln, um im Leben die Dinge und Begegnungen richtig einzuschätzen. Ist bei einem Erwachsenen die Unschuld archetypisch stark ausgeprägt, haben wir es mit einem eher zuversichtlichen, optimistischen Menschen zu tun. Ist die „Unschuld“ nicht richtig entwickelt, zeigt sich das in einem Verhalten oder Wesen, dass sich leicht täuschen lässt, auf zwischenmenschliche Illusionen wiederholt hereinfällt und dem eine angemessene Skepsis oder instinktive Vorsicht fehlt und damit die Fähigkeit zur realistischen Einschätzung einer Situation bzw. der eigenen Situation. Daraus kann eine entsetzliche Enttäuschung folgen — und schlimmstenfalls passiert das immer wieder.

Womit wir beim Thema Verwaisung wären. Wahrscheinlich jeder Mensch erlebt irgendwann in seiner Kindheit Situationen, in denen er, seiner Wahrnehmung nach, Übergriffen ausgesetzt war, also sich nicht wehren konnte und in einer Opferrolle befunden hat. Oder eine Situation erlebte, in der er allein gelassen wurde bzw. sich im Stich gelassen fühlte oder ungeliebt, beschämt oder falsch. Es ist so etwas wie der Schmerz der irdischen Ungerechtigkeit, der sich hier vorstellt, und solche schmerzhaften Momente prägen uns meist unbewusst ein ganzes Leben. Niemand kommt, um zu helfen, keine Eltern in Sicht, kein Freund, keine Staatsmacht, keine Retter – stattdessen absolute Einsamkeit. Was aus diesem Erleben aber erwachsen kann, ist Gold wert. Es ist die Fähigkeit, in der Verlassenheit sich mit anderen zusammenzutun, zueinander zu stehen, um sich gegenseitig zu unterstützen und Lösungen zu finden.

Soziale Bewegungen oder Selbsthilfegruppen sind dafür ein Beispiel. Die Weisheit und Kompetenz, die aus der Verwaisung erwächst, ist die Fähigkeit, den Schmerz zu sehen, sich einzugestehen und zu fühlen, um von hier aus Mitgefühl und beispielsweise Solidarität zu entwickeln.
Ist bei einem Erwachsenen die Verwaisung archetypisch stark ausgeprägt, haben wir es mit einem tendenziell eher pessimistischen Menschen zu tun. Sind die schwierigen Lektionen der „Verwaisung“ nicht integriert, zeigt sich das zum Beispiel in einem Verhalten, das psychische Schmerzen und Traurigkeit verleugnet und kein (soziales) Mitgefühl empfindet. Es könnte sich also so äußern: ein Mensch schimpft über eine soziale Aktion, sagen wir zum Beispiel ein Treffen von anonymen Alkoholikern oder eine Demonstration gegen Mieterhöhungen in einem im Wandel begriffenen Stadtviertel. Er kann kein Mitgefühl empfinden oder Verständnis entwickeln, weil er seine eigenen Gefühle der Verzweiflung und vielleicht auch Angst nicht fühlen kann.

Wenn also die frühen Lektion des archetypischen Lehrer*innenpaars Unschuld und Verwaisung nicht integriert sind, kann es emotional entweder sehr kalt oder sehr anstrengend werden … Wir haben aber die Möglichkeit, diese speziellen Weisheiten oder Lebenskompetenzen in bestimmten Phasen — meist einhergehend mit oder ausgelöst durch persönliche Krisen — tiefer zu integrieren und uns Dingen, die wir vergessen oder verleugnet haben, zu stellen. Das ist nicht angenehm: Dafür macht es lebendig.

„lebendig“ – und damit kommen wir endlich zu Weihnachten und seinen mythisch-archetypischen Verbindungen. Oder anders: wie lesen wir Weihnachten, wenn wir es durch die Brille von Unschuld und Verwaisung sehen? In der griechischen Antike gab es Dionysos-Kulte; Dionysos, Gott des Weines, Theaters und Exzesses (Exzess: Überschreitung, Entgrenzung, Überwindung) stirbt ähnlich wie Jesus einen gewaltvollen und doch notwendigen Tod, der als Opfergabe an und für das Leben/Lebendige zu lesen ist. Spannend ist auch seine Kindheit: Denn er wird als Knabe erkannt als der Auserwählte, als ein menschlicher Gott, als Lichtbringer und Inbegriff von unschuldiger Quicklebendigkeit. Diese Figur, Dionysos als Kind, und andere göttliche Kindfiguren spiegeln durch die Menschheitsgeschichte Reinheit, Unschuld, pures Licht und Gnade auf Erden, Neuanfang und Hoffnung. Wenn wir nun die Weihnachtsgeschichte ansehen, wie sie die christliche Kultur erzählt, haben wir es auch wieder mit einem göttlichen Kind zu tun, das die pure, lichtvolle, gnadenvolle Unschuld verkörpert. Doch die Umstände der Geburt sind erschütternd: eine kalte Nacht, mit die längste Nacht im Jahr, die Eltern sind notgedrungen auf Reisen und bald schon auf der Flucht, das Kind wird in einem Stall geboren, weil es keine Herberge mehr gibt, die Eltern begegnen nur unfreundlichen Menschen. Weihnachten lässt sich als die Vereinigung der Archetypen ‚Unschuld‘ und ‚Verwaisung‘ lesen: Im Anblick der schmerzvollen, verzweifelten und unwirtlichen Welt – wie sie eben (auch) ist – zeigt sich zugleich der pralle Glanz der Lebendigkeit, Hoffnung des Neugeborenen. Die Welt hat ihre eigenen Gesetze und sie birgt bisweilen sehr Schmerzhaftes; das Mitgefühl wird sie dennoch trotzig hoffnungsfroh und letztendlich freundlich leuchten lassen. Von diesem stillen, revolutionären Licht erzählt Weihnachten.

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